Wo wurdest du geboren, Biniam?
Ich wurde in Adi Keyh (bedeutet «Rotes Dorf») in Eritrea geboren. Ich bin 21 Jahre alt und wohne seit Ende Juli 2015 mit meiner Mutter in Gerlafingen.
Früher war das Leben in Adi Keyh gut. Wir hatten Elektrizität und Wasser während 24 Stunden. Als wir unsere Heimat verlassen haben, gab es höchstens noch während 3 Stunden pro Tag Strom und Wasser.

 

Warum und wie bist du in die Schweiz gekommen?
Meine Mutter und ich haben Eritrea verlassen, weil wir ein Leben mit einer guten Zukunft führen wollten. Die politische und wirtschaftliche Situation in Eritrea ist sehr schwierig. Für die Menschen gibt es kaum Lohn, kaum Freiheiten. Das Leben in einer Diktatur ist ein Leben unter ständigem Druck. Man darf weder eine freie Meinung haben, geschweige denn, sie äussern.
In die Schweiz kamen wir in Etappen über den Sudan, durch Libyen, über das Mittelmeer nach Lampedusa, danach durch Italien schlussendlich nach Gerlafingen.
Durch den Sudan reisten wir im hinteren Teil eines Toyotas mit zirka 25 weiteren Menschen. In einem LKW mit 70 weiteren Flüchtlingen ging die Reise weiter durch Libyen. Der wirklich schlimme Teil war die Bootsfahrt über das Mittelmeer nach Lampedusa. Es gab zwei Boote, ein Motorboot, das ein weiteres ohne Motor zog. Nach 4 Stunden setzte der Motor aus. Orientierungslos trieben wir mitten im Meer. Zum Glück hatte jemand ein Satellitenradio dabei und konnte eine Nachricht an die italienische Regierung senden. Zuerst kam jedoch ein libysches Schiff. Wir hatten grosse Angst, nun wieder nach Libyen zurückgebracht zu werden. Sie liessen uns – wieso auch immer – aber in Ruhe. Nach ungefähr weiteren 5 Stunden erschien dann das italienische Schiff und hat uns gerettet.
Diese Bootsfahrt zu erleben, war wirklich fürchterlich. Das schlimmste dabei war der Gestank. Unser Boot war zweistöckig. Ich sass im oberen Teil, gleich neben einem Loch, aus dem ein so übler Geruch nach oben stieg, dass mir immer schlecht war und ich mich ständig übergeben musste. Ich war die ganze Zeit richtig krank. Deshalb war ich überhaupt nicht in der Lage, mir Sorgen darüber zu machen, was mit dem Boot geschieht.
Die Überfahrt war für uns der schlimmste Teil der Reise. Und doch hatten wir Glück. Es gibt Flüchtlinge, die trieben 3 Wochen orientierungslos auf dem Meer oder starben sogar bei den schlimmen Bootsunfällen, die sich ereignet haben.
In Lampedusa erhielten wir zum ersten Mal seit Langem etwas Richtiges zu essen und einen sauberen Platz zum Schlafen. Dafür waren wir unendlich dankbar. Wir blieben 9 Tage in Lampedusa. Ich kann mich erinnern, dass das Essen dort sehr gut war. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine Birne gegessen. Auch Äpfel erhielten wir. In Eritrea können sich nur die reichen Menschen Äpfel leisten, weil sie so selten und entsprechend teuer sind.
Weiter ging unsere Reise mit einem Schiff nach Siculiana auf Sizilien. Von da aus mit dem Bus über Rom, Mailand, Chiasso nach Oberbuchsiten, wo wir 4 Monate lebten. Von da aus gelangten wir an unseren heutigen Wohnort in Gerlafingen. Hier leben meine Mutter und ich mit einem afghanischen Flüchtling in einer 4-Zimmerwohnung, wo ich mein eigenes kleines Zimmer mit Bett, Schrank und Schreibtisch habe.

 

Was sind die grössten Unterschiede zwischen der Schweiz und Eritrea?
Es gibt so viele Unterschiede, da weiss ich überhaupt nicht, wo anfangen. Der wichtigste Unterschied findet sich in der Wirtschaft.
Eritrea ist eine Diktatur. Die Wirtschaft leidet darunter. Das Land ist ein einziges Chaos. Egal, wie hart man arbeitet und studiert, man erhält immer den gleichen kleinen Lohn. Ein Lehrer verdient monatlich etwa 800 Nakfa, was 50 Franken entspricht. Das muss zum Leben, Steuern zahlen, usw. reichen. Für Familien mit vielen Kindern ist es extrem schwierig, zu überleben. Dazu kommt, dass es keine Aussicht auf Besserung gibt. Eritreische Jugendliche können in einem Land ohne Presse- und Meinungsfreiheit nichts ändern und haben deshalb auch keine Zukunftsperspektiven.
Es gibt einen einzigen staatlich kontrollierten Nachrichtensender. Pro Tag werden etwa 30 Minuten Nachrichten gesendet, die restliche Zeit laufen Filme. Alle Nachrichten müssen vom Präsidenten abgesegnet sein. Kritische Sender wie Al Jazeera oder BBC haben in Eritrea keine Chance. Systemkritiker werden gekidnappt und weggesperrt.

 

Wieso hast du eine Informatiklehre begonnen? Gab es Alternativen?
Im ersten Jahr in der Schweiz habe ich nichts gelernt. Ich war 16 Jahre alt und durfte nicht in die Schule gehen, weil ich dazu ein Jahr zu alt war, aber auch keinen Sprachkurs besuchen, weil ich dazu noch zu jung war. Erst nach unserer Ankunft in Gerlafingen konnte ich an einem Jugendprogramm in der Regiomech teilnehmen und endlich Deutsch lernen. Da wir ausschliesslich deutsch sprechen durften, habe ich die Sprache sehr schnell gelernt.

Im ersten Jahr bei Regiomech lernte ich vor allem die Sprache. Erst danach habe ich fokussiert eine Lehrstelle gesucht. Ich absolvierte diverse Schnupperlehren als Zeichner/Konstrukteur und in der Informatik. Eigentlich wollte ich Zeichner/Konstrukteur werden, habe aber keine Lehrstelle gefunden. Zur Informatik kam ich durch den Vorschlag eines Lehrers. In Eritrea hatten wir in der Schule Informatik. Darin war ich richtig gut. Beim Infotag bei der Intersys konnte ich sehen, um was es bei der Ausbildung geht und habe festgestellt, der Beruf als Informatiker eine gute Zukunft hat. Durch das Schnuppern habe ich gemerkt, dass mir dieser Beruf gefallen würde. Denn die Ausbildung ist herausfordernd, abwechslungsreich und nie langweilig.
Die Integration ist mir wirklich gut gelungen. Obwohl ich mich zu Beginn der Lehre so sehr auf die Informatik konzentriert und die Sprache etwas vernachlässigt habe, verstehe heute sogar viel Mundart.

Jugendprogramm Regiomech
Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden im Hinblick auf den Antritt einer Lehrstelle in ihren persönlichen, sozialen und fachlichen Kompetenzen qualifiziert und bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt.

Biniam Ghebrehiwet, Lehre als Informatiker bei Intersys AG

Wieso bei Intersys resp. wie kamst du zu Intersys?
Nachdem ich den Infotag besucht habe und eine Schnupperlehre absolvierte, erhielt ich die Lehrstelle bei der Intersys. Es gefällt mir hier sehr gut. Das Arbeitsklima ist super und die Arbeit abwechslungsreich. Meine Kolleginnen und Kollegen sind nicht nur sehr freundlich, sie sind einfach cool und frisch. Es gibt viele verschiedene Tätigkeitsgebiete bei der Intersys und so entstehen immer wieder spannende Gespräche in allen Bereichen der Firma. Ich schätze es, nicht nur für mich an meinem Platz zu arbeiten, sondern mich ganz oft in Teams austauschen zu können. Zudem habe ich drei tolle Lehrmeister, die mich nicht nur in der Ausbildung unterstützen, sondern auch in persönlichen und privaten Belangen.

 

Was machst du in deiner Freizeit?
Ich bin dem Fussballverein FC Post Solothurn beigetreten und hoffe, so besser Schweizerdeutsch zu lernen. Einem Freund von mir ist das so sehr gut gelungen. Auch schwimme ich gerne, schaue mir Filme an oder lese Bücher.
Ich würde sehr gerne Piano spielen und regelmässiger schwimmen gehen. Momentan kann ich mir diese Tätigkeiten aber nicht leisten.

Erlebst du Feindseligkeiten gegen dich als Flüchtling?
In vielen Ländern in Afrika gibt es Rassismus und Hass. Doch wir sind im 21. Jahrhundert angekommen. Fast alle Menschen sind jetzt zivilisiert. Ein jeder muss überlegen, was er sagt. Es ist wichtig, die Meinung anderer Leute zu akzeptieren.
Meine Mitschüler sind immer respektvoll. Sie fragen auch nach, ob ich mit ihrer Meinung einverstanden bin.
Wenn man wirklich viel arbeitet und etwas erreichen will, hat man in der Schweiz die Möglichkeit, das auch zu schaffen. Natürlich kann es für manche Ausländer schwierig und herausfordernd sein, die Sprache zu lernen oder sich zu integrieren.

 

Was sind deine Perspektiven für die Zukunft?
In Zukunft möchte ich einen stabilen Beruf ausüben, in dem ich genug Geld verdiene, um meine Familie unterstützen zu können. Ich habe eine Schwester in Eritrea, die verwitwet ist und 5 Kinder hat. Ihr Mann starb auf dem Mittelmeer bei einem schlimmen Flüchtlingsbootsunfall. Sie ist auf unsere Hilfe angewiesen.
Zuerst will ich meine Ausbildung erfolgreich abschliessen und danach für ein oder zwei Jahre als Informatiker arbeiten. Dann schaue ich weiter. Ich weiss, dass ich in Zukunft viel erreichen kann. Denn diese Möglichkeit gibt es in der Schweiz. In Eritrea wäre das undenkbar.

 

Gibt es noch etwas Persönliches, das du sagen möchtest?
Ich möchte mit meiner Geschichte auch eine Nachricht vermitteln.
Egal wie schwierige Situationen man bereits erlebt hat, man hat immer eine Chance. Wenn ich nochmals entscheiden müsste, würde ich die Flucht in die Schweiz wieder machen.
Mein Heimatland ist ein so dunkler Ort. Wenn man ein Licht sieht, auch wenn es noch so klein ist, dann muss man diese Reise in Angriff nehmen. Auch wenn sie gefährlich ist und schon viele Menschen dabei gestorben sind.
Alles ist besser, als mit diesem Druck zu leben.